
Lokales Mittendrin
Von Oberschlaraffen und Sippungen
Reges Vereinsleben im Verborgenen
Wer bei dem Begriff „Schlaraffen“ an
Bewohner eines märchenhaften Landes denkt, denen die
gebratenen Tauben in den Mund fliegen, liegt falsch. Die
Schlaraffen sind ein Männerbund, den es auf allen
Kontinenten gibt. Übereinstimmend sind Sitten und
Gebräuche sowie die Sprache – Deutsch.
„Uhu — LuLu" schallt es durch den kleinen Raum. An
den Tischen sitzen Herren meist gesetzten Alters und in bunten
Gewändern. Vorne an der Stirnseite ist eine Art Thron
aufgebaut. Noch hat ihn niemand inne, aber um ihn herum stehen
drei blau-weiß-gewandete Herren in ein Gespräch
vertieft.Ich bin als Gast bei den Celler Schlaraffen und nehme
Teil an einer Sitzung. Schon diese Bezeichnung ist falsch, denn
die heißt Sippung. Der Oberschlaraffe — er führt
diese Bezeichnung voller Ernst — hatte mich vorher in einem
langen Gespräch ein wenig mit den Sitten und Gebräuchen
bekannt gemacht. Sie sind festgelegt in einem dicken Buch, das
die eigene Sprache mit den festgelegten Ausdrücken
beschreibt und Ceremoniale festlegt.Die Schlaraffen in Celle
bilden das Reych Cell-Erika und versammeln sich freitags. Sie
haben ein reges Vereinswesen, doch ist es Uneingeweihten nicht
bekannt. „Unsere Pressearbeit wurde bisher eher behutsam
geführt“, sagt dazu der Oberschlaraffe Ritter Don
Immo-nett — profan Klaus Wilharm — mit leicht
selbstkritischem Unterton.
Seltene kultische Handlung:
Der Ritterschlag
So wurden an diesem Freitag im ersten Teil ihrer Sippung formelle
vereinsinterne Dinge abgewickelt, jedoch in stets verballhornter
Form. Dann allerdings rief Don Immo-nett zum
Ritterschlag. Diese fast kultische Handlung ist
relativ selten und wird nach einem genau
festgelegten Ablauf ausgeführt. An diesem Abend standen
sogar zwei Knappen zum Empfang des symbolischen Ritterschlages
an, nämlich Peter Waschnitzko und Thomas Deits. Sie sollten
aufrücken zum höchsten Stand, den ein Schlaraffe
erreichen kann.Doch der Weg zum Ritter ist weit. Als Pilger
schaut man sich allgemein die Schlaraffen zwei- bis dreimal an,
dann ist man Prüfling. Er wird nach rund drei Wochen, so
keine Einwände seitens der Gemeinschaft erhoben werden,
durch geheime Abstimmung zum Knappen gekürt. Dabei erfolgt
das Eintauschen des Namens mit einer Nummer. Durch weitere
Prüfung wird der Knappe zum Juncker. Dieser Status hat
Bestand bis zum Ritterschlag, der in zwei bis drei Jahren
erfolgen kann. Immerhin bekommt der Knappe einen Paten, der ihn
während dieser Zeitspanne in das schlaraffische Leben
vertieft einweist und begleitet.Jetzt war der große
Augenblick gekommen, in dem der Zeremonienmeister — Anrede
mit Euer Formalien — alle 50 Anwesenden zum Erheben
aufforderte. Der Marschall schlug einen großen Gong
(Tam-Tam genannt), Fanfaren wurden geblasen und letztlich die
beiden Juncker vorgestellt. Der Oberschlaraffe — Anrede
Eure Herrlichkeit — befragte eine Reihe weiser Räte
und hielt eine Festrede auf beide anstehenden Ritter. Sie
schwörten die Treue zum Reyche. Dazu legten beide die Hand
auf einen hölzernen Uhu und riefen laut „Ich
gelobe“. Danach knien beide Aspiranten nieder und empfangen
durch „seine Herrlichkeit“ den Ritterschlag.
Genaugenommen sind es drei mehr angedeutete Streiche, die auf
beide Schultern und den Rücken erfolgten. Angestrengt und
ernst beobachteten alle Stehenden das bedeutungsschwere Tun. Die
Einkleidung schloss sich an. Dabei bekommen die frischen Ritter
in einer langwierigen Prozedur den Rittermantel in den Farben des
Ryches (für Cell-Erika ist es blau-weiß)
umgehängt sowie den Helm aufgesetzt, der einer Narrenkappe
sehr ähnelt. Das Ganze geht mit viel Zustimmung durch
„Uhu“ oder „Aha“ vor sich. Letztlich
bekommen die nunmehr in den Ritterstand Aufgenommenen ihre
Ritternamen, die sich irgendwie auf Vorlieben, Berufe oder
Hobbies beziehen. An diesem Tage erhielt der vormalige Knappe
Thomas den Namen „Ritter Schwermetall, der närrische
Rostrastürmer“, während aus dem Knappen Peter
nunmehr „Ritter van Gogh, der Filou“
hervorging.
Mit der Rüstung ist man im Spiel drin
Die Handlungen dauerten eine gute Stunde. Eigenartig war die
Mischung aus Heiterkeit und Ernst. Sie ließ keine
lautstarke Fröhlichkeit aufkommen, allerdings fehlte ebenso
die alkoholdurchwirkte Steifheit, die phasenweise sogar auf
Prunksitzungen von Karnevalsvereinen herrscht. „Wir haben
mit einem Karnevalsverein einige Berührungspunkte“,
gestand der frisch geschlagene Ritter Schwermetall. Er kann es
als geborener Rheinländer und diesjähriger Prinz
Karneval von Celle beurteilen. Dem widersprach mein ritterlicher
Nachbar: „Schlaraffia ist einzigartig. Wir unterscheiden
uns doch sehr von einem Karnevalsverein“.Die Lust am
Verkleiden, das gesamte höfisch anmutende Zeremoniell geht
offenkundig zurück auf die Gründer, die als
Theaterleute gewohnt waren, in Kostüme zu schlüpfen und
Rollen zu spielen. Die spezielle Kleidung erfülle den Zweck,
sich deutlich vom Alltag zu lösen. Mit der Rüstung ist
man im Spiel drin, lautet die Erklärung, denn erstens legt
ein Schlaraffe keine Kleidung an, sondern eine Rüstung.
Zweitens offenbart dieser Ausspruch, wie die Schlaraffen ihr
Gehabe selbstironisch einschätzen: Ein Spiel ist es, gepaart
mit Spaß am Verkleiden, um mit Freude in eine Rolle zu
schlüpfen.„Wenn man in die Burg kommt, fällt die
profane Schlacke ab“, meinte dazu Ritter Schwermetall.
Übersetzt heißt das, im Gemeinschaftsraum ist man(n)
unter sich und vergisst die Sorgen des Alltages. Das sei ein ganz
wesentlicher Faktor, der das Verhalten untereinander
außerordentlich positiv bestimme. „Schlaraffia
stiftet lebenslange Freundschaften“, meinte Ritter Don
Immo-nett und setzt hinzu: „Einmal Schlaraffe — immer
Schlaraffe“.Er muss es ja wissen, denn als Oberschlaraffe
ist er schließlich unfehlbar — zumindest für die
Celler Schlaraffen während der Sippungen.
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