Von Richard Peter
Hameln. "Wintereinbruch ist nicht strafbar" - nur
einer von vielen Schlusssprüchen, bevor der Tam-Tam-Schlag
ertönt und die Sippung beendet. Aus edlen Rittern mit
Phantasie-Namen wie "Poethos der f’exotische Spielmann"
wieder den Sonderschulkonrektor werden lässt, aus
"Chanson-nett den liedersächsischen Tastenquäler" einen
angesehenen Zahnarzt. Ende einer Sippung der
Schlaraffia "Ob der Hamel".

Unter gekreuzten Schwertern wird in die Hamelner "Burg"
eingeritten.
Nicht der ersten in ihrer neuen "Burg" am 164er-Ring, die sie im
Laufe eines Jahres ausgebaut und für sich eingerichtet haben
und Anfang Oktober mit einer "Eröffnungs-Schlaraffiade"
einweihten. Nichts weniger als ein Kraftakt, den einstigen
Lagerschuppen in ein Schmuckstück zu verwandeln. Kein
Wunder, dass sie stolz sind auf ihr neues Domizil.
Gestandene Männer, die sich ehrfürchtig vor dem Uhu
verbeugen und sich liebevoll mit dem Wort "Lulu"
begrüßen. Ein strenges Zeremoniell – durch Witz
und Humor gemildert. Hier feiert der Homo ludens jeweils
donnerstags von Anfang Oktober bis Ende April fröhliche
Urständ.
Sie können auf eine lange Tradition und Geschichte
zurückblicken, die "Schlaraffen", die ihre Entstehung Prager
Musensöhnen verdanken, die sich als "Proletarier-Club" von
der Künstlergesellschaft "Arcadia" abgespaltet hatten und
1859 ihre Runde "Schlaraffia" tauften.
Warum dieser Name, weiß niemand mehr – dafür
umso besser den Grund. Denn den Gründungsvätern ging
der Adelsdünkel und die hohle Form der bürgerlichen
Gesellschaft im Habsburger Reich gewaltig auf den Senkel.
So begannen sie deren Getue zu persiflieren, indem sie
maßlos übertrieben und den Uhu zu ihrem Schutzpatron
wählten, der nun neben Athen auch nicht mehr nach Prag
getragen werden musste. Heute sind die Schlaraffen weltweit
präsent. Und überall – ob in Thailand, den
Vereinigten Staaten, Südamerika oder Afrika – gilt das
strenge Zeremoniell und das Ritterkauderwelsch. Amtssprache
Deutsch.
Das Rattenfängerreych "Ob der Hamel" mit der Reychsnummer
336 und den Farben Blau-Weiß-Rot ist eine Gründung des
Reyches "Hildesia" (Hildesheim) und mittlerweile 45 Jahre alt.
Über dreißig Jahre war die "Börse" ihre Burg
– jetzt finden die Sippungen im neuen Domizil statt –
die diesmal unter dem Motto "Seemannslatein und Shanties"
steht.
Nach und nach trudeln sie in ihrer "Burg" ein,
begrüßen sich mit dem Kunstwort "Lulu", verneigen sich
vor dem ausgestopften großen Uhu, der die Wand dominiert,
öffnen ihre Aktenköfferchen und die Verwandlung in
Ritter kann beginnen.
Aus dem Hotelkaufmann i.R. wird
"Düllettant der Motivreiche" , aus dem Dipl. Kfm.
"Chablis-soff der süffisante Kanzlerschreck" und
aus dem Rektor i.R.
"Belcant-Uli der vielsaitige Kettenschmied" . Und die
drei Würdenträger bilden den "Hohen Thron" mit dem
"Fungierenden", der mit dem "Aha" geschmückt wird und den
beiden Oberschlaraffen zur Seite.
Dann die Fanfare – alle erheben sich, es ertönen
Lulu-Rufe – bis es heißt: "Das Reych werde sesshaft".
Mit dem Tam-Tam-Schlag ist die Sippung eröffnet.
Gesang erklingt, "Des Rattenfängerreyches Abendlied" von
Ritter Düllettant" geschaffen – es wird an diesem
Abend noch eine besondere Rolle spielen – "Freunde,
hörtet ihr den Tam-Tam-Schlag? Jagt die Profaney von hinnen!
Heut ist wieder einmal Uhutag...".
Da ist nichts dem Zufall überlassen – und
Gastfreundschaft wird groß geschrieben. Die Ritter stehen
mit gekreuzten Schwertern – natürlich alle aus Holz
– Spalier und die Gäste reiten zu
Fanfarenstößen ein, versammeln sich "unter dem Thron",
werden liebevoll begrüßt. Und ein ums andere Mal
heißt es "Schlaraffen hört!" – es wird das
Protokoll verlesen und auch das Nichtamtliche Protokoll. Und dem
Protokollanten wird die große Ehre zuteil, den "Ratzen
streicheln" zu dürfen.
Zwei verdiente Ritter haben Geburtstag und werden gebührend
gefeiert, bevor das Motto der Sippung zum Zuge kommt, ganz den
vier Säulen der Schlaraffen mit Kunst, Freundschaft, Humor
und Toleranz verpflichtet.
So schreitet einer nach dem andern zum Vortragspult, der
"Rostra". Es geht um den Klabautermann, der "Chanson-nett dem
liederlichen Tastenquäler" zur "schönen Fechsung"
gerät – einem geistreichen Vortrag, für den es
"Ahnen" gibt, Mini-Orden, alte Theaterkarten oder bereits
verfallene Fahrscheine.
Auch Ritter King Buttje aus Hamburg und zu Gast betritt die
"Rostra" bevor "Belcant-Uli der vielsaitige Kettenschmied" sich
brillant mit "Des Rattenfängerreyches Abendlied"
auseinanderfechst – es als "Opus saeculare" benennt, seine
subtile Grazie würdigt und zur "Sternstunde der Menschheit"
steigert – und dafür vom Schöpfer, der zur
Halbzeit den großen "Aha" übernommen hatte, mit
brillantenem Händedruck verwöhnt wird.
Den Schlusspunkt setzt Ritter Poethos mit einer
Seeräuber-Ballade, die Lulu-mäßig gefeiert wird.
Ein großes Spiel – bei dem Politik, Geschäft,
Religion – und auch die Frauen – ausgeklammert
bleiben.
Zu erkennen sind Schlaraffen an der Rolandsnadel mit weißem
Kopf, die am Revers steckt – und ihrer unbändigen Lust
an Witz und Ironie, die dennoch nie verletzen. Im Gegenteil
– was besonders auffällt: wie liebevoll sie
miteinander umgehen. Aus dem Spaß Ernst – und dem
Ernst wieder Spaß machen. Spielerisch und spielend.
Große Kinder mit großen Herzen – und privat:
honorige Bürger, denen man nicht ansieht, dass sie sich
allwöchentlich zusammenfinden, ihre blauen Mäntel
umhängen mit dem Hamelner Wappen, Mützen als
Ritter-Helme tragen und ein Ritual zelebrieren, das nur
funktioniert, wenn es ernst genommen wird. Denn darin liegt der
Witz – und die Komik. Und das Befreiende.
© DEWEZET
