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Veröffentlicht in der DEWEZET am 26.04.2003
Von Richard Peter


Wo der Homo ludens fröhlich Urständ feiert und Ritter spielt

Hameln. "Wintereinbruch ist nicht strafbar" - nur einer von vielen Schlusssprüchen, bevor der Tam-Tam-Schlag ertönt und die Sippung beendet. Aus edlen Rittern mit Phantasie-Namen wie "Poethos der f’exotische Spielmann" wieder den Sonderschulkonrektor werden lässt, aus "Chanson-nett den liedersächsischen Tastenquäler" einen angesehenen Zahnarzt. Ende einer Sippung der Schlaraffia "Ob der Hamel".
Schwertergasse
Unter gekreuzten Schwertern wird in die Hamelner "Burg" eingeritten.

Nicht der ersten in ihrer neuen "Burg" am 164er-Ring, die sie im Laufe eines Jahres ausgebaut und für sich eingerichtet haben und Anfang Oktober mit einer "Eröffnungs-Schlaraffiade" einweihten. Nichts weniger als ein Kraftakt, den einstigen Lagerschuppen in ein Schmuckstück zu verwandeln. Kein Wunder, dass sie stolz sind auf ihr neues Domizil.

Gestandene Männer, die sich ehrfürchtig vor dem Uhu verbeugen und sich liebevoll mit dem Wort "Lulu" begrüßen. Ein strenges Zeremoniell – durch Witz und Humor gemildert. Hier feiert der Homo ludens jeweils donnerstags von Anfang Oktober bis Ende April fröhliche Urständ.
Sie können auf eine lange Tradition und Geschichte zurückblicken, die "Schlaraffen", die ihre Entstehung Prager Musensöhnen verdanken, die sich als "Proletarier-Club" von der Künstlergesellschaft "Arcadia" abgespaltet hatten und 1859 ihre Runde "Schlaraffia" tauften.

Warum dieser Name, weiß niemand mehr – dafür umso besser den Grund. Denn den Gründungsvätern ging der Adelsdünkel und die hohle Form der bürgerlichen Gesellschaft im Habsburger Reich gewaltig auf den Senkel.
So begannen sie deren Getue zu persiflieren, indem sie maßlos übertrieben und den Uhu zu ihrem Schutzpatron wählten, der nun neben Athen auch nicht mehr nach Prag getragen werden musste. Heute sind die Schlaraffen weltweit präsent. Und überall – ob in Thailand, den Vereinigten Staaten, Südamerika oder Afrika – gilt das strenge Zeremoniell und das Ritterkauderwelsch. Amtssprache Deutsch.

Das Rattenfängerreych "Ob der Hamel" mit der Reychsnummer 336 und den Farben Blau-Weiß-Rot ist eine Gründung des Reyches "Hildesia" (Hildesheim) und mittlerweile 45 Jahre alt. Über dreißig Jahre war die "Börse" ihre Burg – jetzt finden die Sippungen im neuen Domizil statt – die diesmal unter dem Motto "Seemannslatein und Shanties" steht.
Nach und nach trudeln sie in ihrer "Burg" ein, begrüßen sich mit dem Kunstwort "Lulu", verneigen sich vor dem ausgestopften großen Uhu, der die Wand dominiert, öffnen ihre Aktenköfferchen und die Verwandlung in Ritter kann beginnen.

Aus dem Hotelkaufmann i.R. wird "Düllettant der Motivreiche" , aus dem Dipl. Kfm. "Chablis-soff der süffisante Kanzlerschreck"  und aus dem Rektor i.R. "Belcant-Uli der vielsaitige Kettenschmied" . Und die drei Würdenträger bilden den "Hohen Thron" mit dem "Fungierenden", der mit dem "Aha" geschmückt wird und den beiden Oberschlaraffen zur Seite.
Dann die Fanfare – alle erheben sich, es ertönen Lulu-Rufe – bis es heißt: "Das Reych werde sesshaft". Mit dem Tam-Tam-Schlag ist die Sippung eröffnet.

Gesang erklingt, "Des Rattenfängerreyches Abendlied" von Ritter Düllettant" geschaffen – es wird an diesem Abend noch eine besondere Rolle spielen – "Freunde, hörtet ihr den Tam-Tam-Schlag? Jagt die Profaney von hinnen! Heut ist wieder einmal Uhutag...".
Da ist nichts dem Zufall überlassen – und Gastfreundschaft wird groß geschrieben. Die Ritter stehen mit gekreuzten Schwertern – natürlich alle aus Holz – Spalier und die Gäste reiten zu Fanfarenstößen ein, versammeln sich "unter dem Thron", werden liebevoll begrüßt. Und ein ums andere Mal heißt es "Schlaraffen hört!" – es wird das Protokoll verlesen und auch das Nichtamtliche Protokoll. Und dem Protokollanten wird die große Ehre zuteil, den "Ratzen streicheln" zu dürfen.
Zwei verdiente Ritter haben Geburtstag und werden gebührend gefeiert, bevor das Motto der Sippung zum Zuge kommt, ganz den vier Säulen der Schlaraffen mit Kunst, Freundschaft, Humor und Toleranz verpflichtet.

So schreitet einer nach dem andern zum Vortragspult, der "Rostra". Es geht um den Klabautermann, der "Chanson-nett dem liederlichen Tastenquäler" zur "schönen Fechsung" gerät – einem geistreichen Vortrag, für den es "Ahnen" gibt, Mini-Orden, alte Theaterkarten oder bereits verfallene Fahrscheine.
Auch Ritter King Buttje aus Hamburg und zu Gast betritt die "Rostra" bevor "Belcant-Uli der vielsaitige Kettenschmied" sich brillant mit "Des Rattenfängerreyches Abendlied" auseinanderfechst – es als "Opus saeculare" benennt, seine subtile Grazie würdigt und zur "Sternstunde der Menschheit" steigert – und dafür vom Schöpfer, der zur Halbzeit den großen "Aha" übernommen hatte, mit brillantenem Händedruck verwöhnt wird.
Den Schlusspunkt setzt Ritter Poethos mit einer Seeräuber-Ballade, die Lulu-mäßig gefeiert wird. Ein großes Spiel – bei dem Politik, Geschäft, Religion – und auch die Frauen – ausgeklammert bleiben.

Zu erkennen sind Schlaraffen an der Rolandsnadel mit weißem Kopf, die am Revers steckt – und ihrer unbändigen Lust an Witz und Ironie, die dennoch nie verletzen. Im Gegenteil – was besonders auffällt: wie liebevoll sie miteinander umgehen. Aus dem Spaß Ernst – und dem Ernst wieder Spaß machen. Spielerisch und spielend. Große Kinder mit großen Herzen – und privat: honorige Bürger, denen man nicht ansieht, dass sie sich allwöchentlich zusammenfinden, ihre blauen Mäntel umhängen mit dem Hamelner Wappen, Mützen als Ritter-Helme tragen und ein Ritual zelebrieren, das nur funktioniert, wenn es ernst genommen wird. Denn darin liegt der Witz – und die Komik. Und das Befreiende.


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DIN 26.04.2004