Veröffentlicht in Reader's Digest im Januar 2003
Von Christine Hoffmann
Willkommen in Schlaraffenland
Es dämmert schon, als die Ritter in ihren
Burghof ziehen. Mit soliden Blechkarossen, dunklen Mänteln
und Aktenkoffern gewappnet, biegen sie auf den kargen Parkplatz
eines Hinterhauses im
Stuttgarter Osten ein. Halblaut schlagen
Autotüren, dann schreitet ein Heer meist älterer Herren
hinauf ins Oberstübchen des schwäbischen Weinlokals
„Bembele“ zum wundersamsten aller Herrenabende. Nur
immer der Nase nach und die Stiege hoch. Wo Füße
über eine Kokosfußmatte mit dunklen Intarsien
„Schlaraffia Stutgardia“ scharren und der Kohlgeruch
rezent wird, sind die Ritter am Ziel.
„Lulu“, schallt es förmlich-fröhlich zu
ihrer Begrüßung im Reyche Stutgardia; zur
Stärkung werden heute schwäbische Krautwickel,
Butterbrezeln und Lethe, zu Deutsch Wein, gereicht. 18.30 Uhr,
noch eine Stunde bis zur 3145. Sippung der Stuttgarter
Schlaraffen.
Wer jetzt an Fasching denkt, tut dieser ehr- und
merkwürdigen Herrengesellschaft Unrecht, denn sie treibt es
traditionell den ganzen Winter lang närrisch. Und zwar
überall auf der Welt, in 300 Städten.
„Wir haben alle einen Vogel“, sagt Reinhard Schiffler
(58), der montags ab halb acht nur noch auf den schlaraffischen
Namen Quaestor, der wohlmeinende Blitztribun, hört. Sein
Vogel, sein Spleen hat Gestalt: Wappentier der Schlaraffen wurde
schon bald nach ihrer Gründung im Jahre 1859 der Uhu, der
sich mal ausgestopft an der Wand, mal als Hologramm hinter Glas
oder zweidimensional als Auto-Aufkleber zeigt.
Weil heute der Uhu ruft, holen die schwäbischen Ritter ihre
Gewänder aus den Koffern und stülpen klimpernde
Stoffhelme über - die Rüstung der Schlaraffen, die sich
während der so genannten Winterung zwischen Oktober und
April einmal pro Woche in ihren Burgen, den
wappengeschmückten Vereinslokalen, sammeln.
Drei Dinge bleiben dabei draußen vorm Burgtor. Beruf,
Religion, Politik. Schließlich streifen mehr als 50
gestandene Geschäftsmänner hier und heute erneut Namen,
Titel und Beruf ab, möglichen Stress mit Gattin oder
Kollegen ebenso. Werden für drei, vier Stunden zum Kind,
pardon: zum Schlaraffen, klappern mit hölzernen Säbeln
und vertreiben sich die Zeit mit Klavier- und Wortspiel, launigen
Gedichten sowie Fehden, die mit Worten ausgetragen werden.
„Wir sind ein Club der Albernen“, erklärt ein
Weißhaariger und zwinkert zum Gruß mit wasserblauen
Augen: „Gestatten, Ritter Eulenspiegel“. Früher
war er Schauspieler, heute ist er Professor, schreibt Bücher
über Rhetorik.
Das fast schon schizophrene Pendeln zwischen montäglicher
Albernheit und alltäglichem Ernst teilt Eulenspiegel mit
allen Schlaraffen: Ein Internist verbeugt sich vor dem Uhu am
Eingang zur Burg – und verwandelt sich in Ritter Flohhax.
Ein Ex-Buchhalter wird flugs zum Ritter Ben Confectio, ein
honoriger Rechtsanwalt hört nur noch auf den Namen Ritter
Sahaara. „Weil er in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne
mit dem Landrover durch die Wüste fährt“,
verrät Konzernprüfer Schiffler alias Quaestor.
„Ich bin seit 24 Jahren dabei und weiß über fast
alle Bescheid“, sagt der einstige Oberschlaraffe,
vorübergehend außer Amt und Würden, weil man
nicht unbegrenzt in solche Führungspositionen gewählt
werden kann.
Während Schiffler inmitten der anderen Sassen vor seinem
Bierkrug sitzt, fiebert sein Nachfolger vorne auf dem Thron - ein
umgebauter Schreibtisch - dem Einritt entgegen.
„Reychsmarschall, rühret das Tamtam“, befiehlt
der Fungierende Oberschlaraffe Ritter Blitzschneck. Schlag halb
acht schlägt Marschall Don Bass-quali also den Gong,
Tastelli eilt zum Klavier, Concerto geigt, Ben Confectio spielt
Klarinette, 50 weitere Ritter schmettern: „Verbannt sei
aller Zank und Streit, hier herrsche nur die Fröhlichkeit,
und Witz und Geist dazu, Uhu, Lulu.“
Dann reiten die Gäste durchs Spalier der Holzschwerter: Von
donnerndem „Lulu“ begleitet, trabt ein rundes Dutzend
Ritterkollegen aus den benachbarten Reychen Göppingen und
Schwäbisch Gmünd, aus Baden-Baden, sogar Lübeck
herein und labt sich vor dem Thron an einem Humpen Lethe.
Schlaraffen sind überall daheim. In fremde Reyche
einzureiten, ist für sie kein Schmarotzertum, sondern
liebgewonnene Schrulle.
Ritter Wunder-Bar, ein Werbeexperte, liest gerade die Reyche
herunter, die er auf einer sechswöchigen Dienstreise quer
durch Deutschland besuchte. „Für Handelsvertreter zum
Beispiel sind wir ein idealer Verein“, kommentiert Quaestor
zwinkernd: „Die haben abends immer eine Anlaufstelle, da
braucht sich die Gattin zu Hause keine Sorgen zu
machen.“
Ein Trost, wenn sie schon nicht mit in die Sippungen darf. Denn
die sind reine Männersache. „Die Erotik“, seufzt
Quaestor erklärend. „Da würde alles durcheinander
kommen, es gäbe Rivalitäten unter uns Männern,
keiner könnte sich mehr aufs Wesentliche konzentrieren, auf
das absolute Entrücken, das konfliktfreie Sein unter
Gleichgesinnten.“
Wohlan. Noch eine Hymne auf die Gäste, dann verliest man
Protokolle. Eine Liste kreist; wer heute Abend auf die Rostra
steigen, sprich: ans Rednerpult treten will trägt sich ein.
Auch Quaestor kreuzt an: „zwei Minuten, heiter“ soll
sein Vortrag sein. Später wird er wie ein Dutzend anderer
Ritter vortreten und über Wilhelm Busch parlieren, das Thema
der heutigen Sippung. Der wurde einst zum Ehrenschlaraffen
berufen und nach seinem schwarzen Raben „Ehrenschlaraffe
Huckebeyn“ getauft. Ein bisschen Busch’sche
Biografie, Bonmots und Anekdoten, Dias oder selbst gezeichnete
Bildergeschichten, aus hanebüchenen Gründen erhobene
Forderungen zum Duell füllen die Zeit bis zum Schlusslied um
22.40 Uhr.
So orakelt programmatisch Ritter Weißnix, was wohl Busch
höchstselbst über die Schlaraffen gedichtet
hätte:“Ein Konzert von Dilettanten. / Stimmt auch grad
nicht jeder Ton / wie bei rechten Musikanten, / ihnen selbst
gefällt es schon.“ Was zeigt, dass sich die
Schlaraffen meist nicht für voll, dafür gern selbst auf
die Schippe nehmen.
Heilig ist ihnen nur die Pflege von Kunst, Humor, Freundschaft.
Nicht umsonst suchen - neben Angehörigen grundsolider
Professionen - auch etliche Musiker, Maler und Mimen Heimat im
Schlaraffenreich. Regelmäßig huldigen sie dort in
ihren Sippungen den Ehrenschlaraffen Goethe (Faust), Schiller
(Funke) oder Beethoven (Florestan). Erst letztes Frühjahr
reisten die Stuttgarter zum Florestan-Turney nach Bonn und
wetteiferten um die beste Beethoven-Interpretation.
„Wir haben gewonnen“, berichtet Quaestor stolz.
„Mit meinem Schwiegervater Cellcanto an der Spitze, der war
mal Solo-Cellist beim Radio-Sinfonieorchester und Professor an
der Musikhochschule!“ Heute, über 80 und
schlohweiß, reitet der Senior noch jeden Montag in die Burg
ein und lauscht versunken dem Klavierspiel.
Er war es auch, der Schiffler zu den Schlaraffen brachte - ein
gängiger Weg in den Herrenclub. Wer keinen kennt, der einen
Schlaraffen kennt, erfährt nie, dass es sie überhaupt
gibt. Reklame ist den meisten Rittern suspekt, wohl mit ein Grund
dafür, dass das Durchschnittsalter jenseits der 60 liegt.
Und obwohl hier kein Geheimbund hinter Schloss und Riegel tagt,
wie Schiffler betont, prahlt man nicht mit der Mitgliedschaft im
Herrenclub. „Ich häng's nicht an die große
Glocke“, sagt Wenzel Kahrmann aus Göppingen. Mit 32
Jahren ist er „unter den Jüngsten der fast 11000
Ritter im Uhuversum“.
Nur ein Insider würde ihn alltags erkennen: Der Bauingenieur
trägt am Ohrläppchen einen kleinen goldenen Uhu, der
heute vom Pomp seines Ornats gänzlich überstrahlt wird.
Vor ihm auf dem Tisch liegt ein blitzendes Kornett, eine Art
französische Trompete. Seinen linken Ärmel ziert denn
auch der Rittername: “Cornett das Sans
gêne-kele“, in Anspielung auf seinen Großvater,
der den Namen Sans gêne (wörtlich: „ohne
Hemmung“) trägt. Passenderweise prangt auf dem rechten
Ärmel des „Enkels“ ein Spitzendessous en
miniature.
Das ist freilich ebenso Spiel und Maske wie alles Schlaraffische.
Kahrmann, nach eigenem Bekunden „ziemlich geil auf Fasching
und geistige Ertüchtigung“, hat bisher „die
passende Burgfrau noch nicht gefunden. Manche meiner Freunde
haben schon komisch geguckt, als sie erfahren haben, was wir hier
machen“, gesteht er mit einem leichten Anflug von
Röte. Die sagten: 'Such dir erst mal 'ne Frau.
Die lernst du dort wohl nicht kennen.'“
Weil es bei Vater und Großvater aber auch irgendwann
geklappt hat mit der Weiblichkeit, ist dem Schlaraffen in der
dritten Generation nicht bange.
“Als er noch ganz klein war, hat man ihn gefragt, was er
werden will“, verrät Tischnachbar
Akkuratio*, der Verlässliche. Da sagte er doch
allen Ernstes: »Schlaraffe«.“
*Hier muss es sich
handeln um Rt. Akkuratio der Hungarische aus dhR Am Stauffen
(268)
Die Obrigkeit lächerlich machen
Es war am 10. Oktober 1859 in Freunds Restauration
zu Prag, als deutschsprachige Musiker, Schauspieler und Literaten
aus ihrem Stammtisch einen Verein namens Schlaraffia machten. Der
Gegenentwurf zur elitären Poetengesellschaft Arcadia
weitete sich rasch auf die ganze Welt aus, schmückte die
Vereinssprache Deutsch mit eigenem Vokabular aus und nahm sich
den Uhu als Wappentier. Heute gibt es im Uhuversum rund 300
Schlaraffenvereine, so genannte Reyche in allen Erdteilen.
Drei Oberschlaraffen sitzen jedem Reych vor, ein Kantzler
führt die Geschäfte. Die Sassen (Mitglieder) treffen
sich in der Winterung (1. Oktober bis 30. April) wöchentlich
zu Sippungen (Sitzungen) in der Burg (dem Vereinslokal). Sie
tragen Gedichte oder Musikstücke vor, wollen sich damit
unterhalten, ihr Wissen erweitern, Kunst, Humor und Freundschaft
pflegen.
Berühmte Schlaraffen waren etwa der Schauspieler Paul
Hörbiger oder der Schriftsteller Peter Rosegger. Wer
eintreten will, sollte solide leben und einem Beruf nachgehen.
Von einem Ritter als Pilger eingeführt, wird er erst
Prüfling, dann Knappe, Junker, schließlich Ritter, der
seinen Namen wählt. Das Ritterspiel ist eine Persiflage und
sollte früher die Obrigkeit lächerlich machen - was
dazu führte, dass die Nazis die deutschen Schlaraffen-Reyche
auflösten.
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